Von der Taubheit zurück ins Fühlen.
Ich sitze hier auf meinem Sofa mit meinem MacBook auf dem Schoß und möchte übers Fühlen schreiben. Darüber, wie man dieser Taubheit entkommt und sich selbst wieder wahrhaftig fühlt.
Dabei muss ich mir eingestehen: Ich fühle mich selbst heute nicht besonders gut. Es wollten gerade keine Worte fließen, obwohl mir dieses Thema so vertraut ist. Schreibe ich über mein Erwachen in der Liebe? Oder darüber, wie ich ein Verschmelzen mit der Natur erfahren habe? Darüber, wie ich einem Seelengefährten begegnet bin und mein Nervensystem und mein Herz vollkommen einen Kurzschluss erlebt haben?
All das erschien mir gerade unpassend, und es wollten nicht so recht die richtigen Worte zu mir fließen. Also habe ich innegehalten – was bleibt mir auch groß übrig, wenn meine Finger nicht über die Tastatur springen wollen?
Lauschen statt leisten
Das Innehalten hat mich erst mal eingeladen zu lauschen. Der Musik, die da aus den Boxen hinter mir kommt. Feine Beats, die trommeln, rasseln, mich bewegen lassen. Ganz fein. Denn wenn ich weiter spüre, dann merke ich, dass mein Körper schon ganz schön müde ist. Es ist ja schließlich auch schon spät abends.
Ich könnte auch einfach ins Bett gehen, den Laptop zuklappen und morgen wieder über Taubheit, Aufwachen und Fühlen schreiben. Doch irgendetwas in mir tippt weiter, möchte sich ausdrücken. Liebt das Spiel mit den Worten. Meine Finger fühlen sich lebendig an, obwohl mein Kopf von einer angenehmen tauben Müdigkeit schon fast betäubt ist.
Meine rechte Hüfte schmerzt etwas, meine Oberschenkel ebenso. Ich war gestern das erste Mal nach einem langen Winter wieder joggen. Das tat mir so gut – und gleichzeitig hat es mich heute wirklich verlangsamt.
Mein Körper hat Bewegungsimpulse, möchte sich dehnen zur Musik. Ich gebe dem Drang nicht nach, sondern bleibe sitzen und spüre tiefer hinein. Jede Zelle, jede Faser meines Seins fühlt sich lebendig an – selbst in diesem müden Zustand, in dem ich mich eigentlich nicht mehr groß bewegen oder gar denken will.
Spüren bis in die Zehen
Es ist schön, so tief in meine Zellen zu spüren – etwas, was auch ich in meinem Alltag gerne vergesse. Doch diese Lebendigkeit, von der sie durchzogen sind, berührt mich gerade selbst. Meine Zehen beginnen zu wackeln. Sie melden sich, wollen sich ausdrücken. Einfach, weil sie können, weil ich sie heute noch nicht wirklich bewusst wahrgenommen habe. Ihnen noch nicht bewusst den Raum zum Ausdruck geschenkt habe.
Also hält mein Schreiben inne und gibt ihnen kurz diese Möglichkeit. Wie wenig Aufmerksamkeit wir doch unseren Zehen schenken. Meistens sind sie gut eingepackt unter Schuhen und Socken. Meine Zehen sehnen sich nach Sommer, nach Erde, frischem Gras, Matsch, in den sie sich vergraben dürfen.
Eine Dankbarkeit überkommt mich gerade, wie weit ich mich schon entfaltet habe in meinem Leben. Zurückgefaltet habe in das, was ich als Kind schon war. Ein lebendiges Etwas, das die Erde, die Natur und die Wesen um sich herum ganz bewusst und neugierig wahrgenommen hat.
Ich liebe es, in diesen Zustand zu gehen, die Welt als einen großen Spielplatz zu sehen und mich darin ganz zu spüren. Das ist es, was mich lebendig macht. Das Leben spielen, mich in Dingen ausdrücken, die mir liegen, die mein Sein verkörpern. Nicht etwas tun, um Geld zu verdienen.
Zwischen Licht und Schatten
Ja, zugegeben, ich tue das natürlich auch noch – wenn auch nicht mehr so viel wie früher. Und natürlich tue ich auch noch Dinge, die ich nicht so gerne mache. Erst heute habe ich zum Beispiel die Toiletten unserer Gemeinschaft geputzt. Doch selbst da erlaube ich mir, mich selbst ganz wahrzunehmen in dieser Tätigkeit. Dabei ganz hier zu sein und selbst meine eigenen Widerstände mitzunehmen und sie lieb zu haben.
Nein, darin bin ich nicht immer gut gelaunt und fröhlich. Ich stehe nicht nur auf der Sonnenseite, sondern ich liebe und umarme auch meine Schatten. Meine eher unangenehmen Eigenschaften, die ich früher einfach unterdrückt habe.
Ja, es gab Zeiten, da habe ich einfach geschwiegen, anstatt das zu sagen, was wirklich in mir lebendig war. Da habe ich meine Gefühle und Emotionen so gut unterdrückt, dass mich kaum mehr etwas berührt hat. Heute erlaube ich mir auch zu weinen, wenn mich etwas traurig macht. Ich versuche mir Wut zu erlauben – wenngleich das auch noch immer nicht so einfach ist. Ich finde, da braucht es einfach auch viel Achtsamkeit für den Raum. Ich erlaube mir, meine Ohnmacht zu spüren, meine Einsamkeit, meine tiefe Liebe, die darin liegt.
Ich kenne die ganze Farbpalette von Gefühlen und male sie wie ein Künstler auf meine Leinwand Leben. Wohlwissend, dass es ein Geschenk ist, so viel fühlen zu dürfen – auch wenn ich es an manchen Tagen so überwältigend empfinde, dass ich es kaum aushalte.
Vorgestern zum Beispiel einmal wieder, als ich in einem Konflikt mit wirklich sehr tiefen kindlichen Verletzungen konfrontiert wurde. Mein Gegenüber konnte nichts dafür, und auch ich hatte keinen Einfluss auf das, was da passierte. Ich nahm mich einfach selbst liebevoll in den Arm und erlaubte mir, das zu fühlen, was all die Jahrzehnte gut verpackt in meinem Unterbewusstsein lag.
Welch ein Geschenk!
Nicht die alten Emotionen, Verletzungen, die ich als Kind nicht fühlen konnte – sondern, dass ich sie jetzt fühlen darf. Dass ich sie endlich auspacken kann und da sein lassen. Ein bisschen ist es so wie unangenehme Rechnungen bezahlen oder Steuererklärung machen. Irgendwie schiebe ich es immer vor mir her, und wenn es dann endlich erledigt ist, fühlt es sich so unendlich befreiend an. Eine große Last, die von meinen Schultern genommen wurde, ohne dass ich wirklich von ihr wusste.
Vom Verlust zur Rückverbindung
Das war wirklich nicht immer so. Lange hat sich diese Taubheit wie ein Nebel über mich gelegt. Ohne dass ich wusste, was ich vermisse, habe ich etwas vermisst. Heute weiß ich: Das war ich selbst.
Denn wenn ich einen Teil meiner Gefühle und Emotionen nicht zulassen kann, dann muss ich mich selbst auch permanent unterdrücken. Das kostet nicht nur unendlich viel Lebenskraft, das hält mich auch in alten Mustern und Masken gefangen. Diese sind vielleicht vertraut, aber definitiv nicht das, was ich bin.
Wie ich an diesen Punkt gekommen bin?
Ich glaube, vieles war einfach Glück, Fügung und eine große Portion Neugierde. Vieles war die Sehnsucht nach dem Leben, nach einer tiefen, authentischen Lebendigkeit, die in mir einfach schon immer sehr stark war.
Diese Suche hat mich zu mir selbst geführt. Sie hat mich dahin gebracht, hinzusehen. Mir mein inneres Kind anzusehen, meine innere Frau, den inneren Mann, den inneren Erwachsenen, mein Wunder und was sonst noch alles an Anteilen in mir lebendig ist.
Die Mandalas waren dabei mein Anker. Sie haben mich in unruhigen Zeiten erinnert an die Quelle, an meine eigene Mitte, haben mir einen Mittelpunkt geschenkt, wenn der Orkan um mich herum tobte. In ruhigeren Zeiten haben sie nachgewirkt, als Bilder an der Wand. Solange, bis ich wieder an einen absoluten Tiefpunkt gestoßen bin und nichts als nur noch zeichnen half, dort wieder herauszukommen.
Auch heute ist das noch so. Ich merke, dass ich irgendwann immer tauber werde – dann, wenn ich mich verstricke in Tätigkeiten, die mir nicht guttun. Wenn ich nicht auf meine eigenen Bedürfnisse höre, sondern Dinge tue, um anderen zu gefallen oder zu entsprechen. Wenn ich nicht mal mehr tanzen kann – so wie gerade – sondern mich mit YouTube und Netflix von meinem Alltag ablenke.
Dann habe ich wieder ein Stück dieser Lebendigkeit verloren, bin abgetaucht in die Tiefen der Taubheit, die sich wie ein gewohntes Kleidungsstück um mich legt.
Ich werde die nächsten Tage wieder mehr zeichnen, um dieser Eintönigkeit den Rücken zuzukehren und mich meiner Zukunft zuzuwenden. Das Mandala-Zeichnen bringt mich dabei ganz präsent ins Hier und Jetzt – zurück in den Flow des Lebens.
Es bereitet mir so große Freude und schenkt mir so tiefe Meditation, dass sich da zwei Polaritäten in mir vereinen und einen wunderschönen Tanz entfalten.
Für mich ist es die beste Medizin gegen Burnout und depressive Verstimmungen. Es hilft mir, mich zu fokussieren, wenn alles um mich herum chaotisch erscheint, und es schenkt mir Farbe in mein Leben, wenn alles grau und eintönig wird.
Ich liebe es – und wenn du Lust hast, es jetzt auch auszuprobieren, vielleicht ist ja mein kleiner Einführungskurs etwas für dich.